Die Löwen und der gefährliche Plan E

Die gute Nachricht zuerst: Das allergrößte Chaos bei den Löwen ist vorbei. Also, vermutlich zumindest und vielleicht auch nur für drei Tage, bis zum nächsten Chaos ist jetzt aber dann doch mal Ruhe. Nach einer heftigen Woche und ein paar Nachtschichten und nach etlichen kuriosen Wendungen und Inszenierungen ist der Plan jetzt wie folgt: Sven-Goran Eriksson wird irgendetwas beim Verein, Alexander Schmidt bleibt auch irgendwas,  vermutlich kommt noch der eine oder andere Spieler, ganz sicher kommen noch ein paar Ismaik-Millionen – und am Ende soll jetzt alles ganz schnell gehen mit dem Aufstieg und den goldenen Zeiten, die man sich und dem Investor versprochen hatte und die allerdings nicht nur Hassan Ismaik einfach nicht erkennen wollte. Dass beide Seiten mit voller Überzeugung hinter dem in der Nacht auf Dienstag ausgeheckten Kompromiss-Vorschlag stehen, darf man getrost als Mär aus 1001 Nacht abtun. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass beide Seiten kurz mal nachgedacht haben. Bei 1860 werden sie dann festgestellt haben, dass ein Plan B, der u.a. Verkaufserlöse durch Ismail Blanco und keine weiteren Zuwendungen Ismaiks vorsieht, eher ein Plan für das eigene baldige Begräbnis ist. Und auch der schwerreiche Ismaik wird bemerkt haben, dass 27 Millionen in eineinhalb Jahren, die man in einem maroden Verein versenkt hat, nicht gerade ein Klasse-Investment sind. Liegt also nahe, dass man es nochmal miteinander versucht, noch dazu, wo Ismaik bei einem genaueren Blick in die Statuten der DFL aufgefallen sein dürfte, dass seine ursprünglichen Forderungen nicht durchsetzbar gewesen wären, selbst wenn sich die Löwen wie ein zahmes Hauskätzchen unterworfen hätten.

Jetzt also Neuauflage einer eher unglücklichen Ehe. Mit zwei Partnern, die eher aneinander gekettet als frisch verliebt sind. Mit zwei Partnern, die nach außen das denkbar schlechteste Bild abgeben, das man sich vorstellen kann. Da ist der Investor Ismaik, der ganz offensichtlich investiert hat, ohne genau zu wissen, was er für sein Geld bekommt und was er dafür verlangen kann. Dessen Fussballsachverstand womöglich auch nicht der Allergrößte ist, ob jedenfalls der Plan E (riksson) zum Erfolg führt, steht dahin. In Deutschland war der alte Schwede bisher noch nicht tätig und die 2. Liga dürfte für ihn ebenso exotisch sein wie die Liga seines letzten eher erfolglosen Engagements in Thailand. Zudem zeigte sich Ismaik in seiner Münchner Zeit nicht gerade als konstanter Partner. Mal kam er monatelang überhaupt nicht, dann wiederum änderte er in zwei Wochen seine Meinungen und Ansagen so oft, dass man am Ende Mühe hatte überhaupt noch zu wissen, was gerade gültig ist.

Beschädigt sind aber natürlich auch (mal wieder) die Löwen. Dass Ismaik mit dem Ertrag seiner Millionen nicht zufrieden ist, kann man ihm ja nicht mal vorwerfen. Aus einer vergleichsweise komfortablen finanziellen Lage heraus hat der Verein (ja, Herr Hinterberger, Sie sind gemeint!) grotesk eingekauft. Ismail Blancos Abgang in der Winterpause war nicht nur das Eingeständnis eines persönlichen Scheiterns, sondern auch Sinnbild dessen, was der Verein in dieser Saison sich vorzuwerfen hat. Mit einem Investor und – zumindest am Anfang – teilweise 40.000 Zuschauern im Rücken muss einfach mehr drin sein als die immerwährende Wiederholung des Kampfs um Platz 7 und ein 0:3-Pokalaus in Bochum. Zumindest von dem her war Ismaiks Auftritt vom vergangenen Montag wenigstens für ein bisschen was gut: 1860 musste klar werden, dass dieses ewige Mittelmaß einfach nicht weitergehen kann. Es ist ja nicht nur Ismaik, der sauer war. Auch in diesem Jahr haben es die Sechziger mal wieder geschafft, das Stadion systematisch halb leer zu spielen.

Jetzt also Strategiewechsel, mitten in der Saison. Weg von der soliden Graumäusigkeit, hin zu ein wenig Glamour und zu ein bisschen bekannten Namen. Ob das sportlich funktioniert, wird man sehen. Unterdessen lauert eine ganz andere Gefahr, von der Ismaik nichts weiß und die er naturgemäß auch gar nicht erkennen kann: dass 186o zu einem seelenlosen Retortenverein wird, zu einem Konstrukt wie Hoffenheim und Wolfsburg, beliebt wie Fußpilz. Der normale Löwe mag Sechzig ja genau deshalb, weil der Verein so ist, wie er ist. Bayerisch, münchnerisch, störrisch, aber in all seinem Chaos trotzdem liebenswert.

Dass ausgerechnet Sven-Göran Eriksson dieses bajuwarische Urgestein auf  FC Bayern light trimmen soll, finanziert von einem Jordanier – das ist womöglich das Riskanteste, was 1860 seit 1859 gemacht hat.

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2 Antworten auf Die Löwen und der gefährliche Plan E

  1. Pingback: 1860 München: Beim Geld hört die 50+1-Regel auf | Ik heb geld nodig

  2. HHeinz sagt:

    Vielen Dank für diese schonungslose Analyse. Nur in einem stimme ich nicht ganz zu. Gemessen an den Möglichkeiten kann man die “immerwährende Wiederholung des Kampfs um Platz 7″ auch als Erfolg sehen.
    Und 1860 hat letzte Saison die beste Rückrunde seit langem gespielt (Rückrunden-Tabelle Platz 2), mit einem, teilweise durchaus ansehnlichen, Fussball. Interessanterweise war da auch von konditionellen Defiziten wenig zu spüren.
    Das man mit Volland und Aigner anschliessend die 2 besten Torschützen abgibt und Rukavina ohne Not nach Spanien abschiebt ist dann schon fast wieder tragisch. Die Verantwortlichen sprechen anschließend vom stärksten Löwenkader seit dem Abstieg in die 2. Liga.
    Selbst aktuell redet alles euphorisch vom Relegationsplatz, dabei müssen wir eher aufpassen, dass wir nicht noch weiter abrutschen. Lautern hat kräftig nachgerüstet und Köln hat inzwischen auch Fahrt aufgenommen.
    Der Weltmann Eriksson neben der, etwas salopp formuliert, “Spassbremse” Schmidt. Das ist eine interessante Kombination mit sehr viel Konfliktpotential.