Eine meiner ersten Begegnungen, die ich als frischgebackener und wahnsinnig stolzer Mitarbeiter des ZDF im Haus auf den Lerchenberg hatte, war eine der eher surrealen Art. Nur damit Sie es ein bisschen einschätzen können: Ich kam damals frisch aus Niederbayern nach Mainz und hatte bis dato im Regelfall bestenfalls Begegnungen mit einer Landrätin namens Mayer (die so war wie sie hieß), mediokren Bürgermeistern und Fillialleitern von örtlichen Banken, bei denen ich immer die Befürchtung hatte, ich würde irgendwann mal auf den von ihnen hinterlassenen Schleimspuren ausrutschen. Und plötzlich, ohne zu wissen wie mir geschah, war ich also echter Mitarbeiter des echten ZDF und konnte mein Glück kaum fassen. Gleich an meinem zweiten oder dritten Tag stand ich mit Dieter Kürten in einem Aufzug und wusste nicht, ob es reicht, mich einfach vor ihm in den Staub zu werfen — oder ob es angemessener sei, den Aufzug wieder zu verlassen und zu warten, bis der nächste kommt (Herr Kürten war übrigens ausgesprochen nett, ich durfte mitfahren und er sagte sogar noch irgendwas Freundliches, ich weiß aber nicht mehr was).
Kurz darauf kam es zu einer anderen, deutlich mehr irritierenden Begegnung. Ich ging einen dieser unendlich langen Flure entlang, von denen es im ZDF unendlich viele gibt. Und auf einmal kam ER mit entgegen: Rolf “Töppi” Töpperwien, den ich natürlich kannte und er mich natürlich nicht. Töppi hatte ich bis dahin aus Zuschauerperspektive immer als eine Art Faktotum wahrgenommen, jemanden, den ich aus streng journalistischer Sicht natürlich nicht wirklich ernst nahmen, weil Töppi viel mehr Fanboy als Journalist war. Auf der anderen Seite fand ich ihn immer irgendwie rührend putzig, wenn er dann mal wieder (nein, besser: immer) seinen Kopf in die Kamera hielt und sich dann beispielsweise derart ulkige Dialoge entwickelten wie der hier:
Töppi (zu Mario Basler): Mario, ich habe dich stark gesehen.
Basler: Da waren Sie aber der Einzige.
Und natürlich hatte ich so großartige Erlebnisse im Hinterkopf wie das, als Töppi die Ankunft des frischgebackenen Europapokalsiegers Werder Bremen mit den Worten live kommentierte: Otto Rehhagel betritt deutschen Boden! Das ist nicht wirklich Journalismus, aber irgendwie schön, wenn sich einer da noch so begeistern kann. Um ehrlich zu sein: Ein Sportstudio mit nicht mindestens einem Töppi-Spiel war für mich kein Sportstudio.
Lange Zeit dachte ich ja, es gebe Töpperwien gar nicht. Ich dachte, er sei eine Art Erfindung des ZDF, so wie die Mainzelmännchen. Det Töpperwien, oder so. Und auf einmal stand er vor mir, drei, vier Meter von mir entfernt und redete auf seinen Begleiter ein. Den Begleiter kannte ich nicht und er hörte, so mein Eindruck, auch nicht richtig zu. Aber Töppi schien das furchtbar egal zu sein, weil Töppi immer dann glücklich war, wenn er über Fußball reden konnte, egal ob jemand zuhörte oder nicht. Also plauderte Töppi vor sich hin, genau in jenem stakkatoartigen Tonfall, den ich schon aus den unzähligen Sportstudios kannte. So laut, dass man es vermutlich auf dem Parkplatz hören konnte. Über Otto (ich nehme an: Rehhagel) und Beate (ich nehme an: Rehhagel) und darüber, dass der Otto ja eigentlich schon immer darauf höre wenn Beate oder er (Töppi) ihm Tipps gäben, er aber irgendwie beim letzten Spiel weder auf Beate noch auf Töppi gehört habe, so dass die Niederlage Ottos irgendwie voraussehbar gewesen sein. Irgendwie so was plauderte der Töppi also vor sich hin und für einen Moment war mir klar, weswegen man zu Töpperwien so eine ambivalente Haltung haben musste: Auf der einen Seite dieser latente Größenwahn, der Irrsinn, sich selbst viel zu wichtig zu nehmen. Dieser merkwürdige wie offenkundige Stolz, irgendwie am Tisch der Großen Platz nehmen zu dürfen, ohne zu bemerken, dass er eigentlich nur ein Handlanger ist. Einer, der den Großen die Bühne gibt, ein lebender Mikrofonständer, ein “Putzfischchen”, wie ihn die “Süddeutsche Zeitung” mal nannte. Auf der anderen Seite musste man dann doch wieder schmunzeln und ihn irgendwie lieb haben, den Töppi, der sogar auf dem Weg in die Kantine und beim Mittagessen und nach dem Mittagessen und vermutlich sogar den ganzen Tag mit einer Begeisterung über Fußball redete, dass man ihm eines zumindest abnehmen musste: Der Mann ist wirklich leidenschaftlicher Fan. Töppi, dem man immer anmerkte (und auch sofort abnahm), dass es vermutlich ein Kindheitswunsch gewesen sein muss, in Stadien zu gehen und aufgeregt “Toooor für den HSV!” zu schreien.
Töppi fehlte die Distanz, Töppi war unkritisch, Töppi war selbstverliebt? Mag alles sein. Aber tausendmal lieber als die ganzen glattgeföhnten Frageroboter von Sky, das ist er mir allemale.
Schade Töppi, dass du jetzt gehst.

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Joa, dann isser halt weg. Schöne Rente!