Bevor wir mit diesem Text so richtig anfangen, erst mal eine kleine Rätselaufgabe: Kauft vor der Saison den Konkurrenz für hohe zweistellige Millionenbeträge die wichtigsten Spieler weg. Dominiert die Liga nach Belieben und gewinnt zwei Jahre hintereinander die Meisterschaft und dabei einmal sogar das Double. Erreicht das Halbfinale der Champions League auch nach ganz schwacher Leistung und zwei Treffern in der Nachspielzeit, einer davon erzielt in der auch Fachleuten bisher eher unbekannten Konstellation des Vierfach-Abseits. Na, das kann doch nur…richtig, Borussia Dortmund sein.
Aber bevor es jetzt hier zu den beliebten Missverständnissen kommt: Niemand hat vor, eine Mauer zu errichten die Leistung der Borussia zu schmälern, schon gar nicht nach Mittwoch abend. In Dortmund wissen sie spätestens seitdem, was wir in München schon lange verinnerlicht haben: Man muss Spiele auch mal dann machen, wenn es eigentlich ebenso unverdient wie hoffnungslos ist (bei den Bayern hat man das bereits im Mai 1999 gelernt). An die Spitze kommt man eben nicht nur mit Schönspielerei, sondern auch mal mit reingestocherten Abseitstoren. Die möglicherweise größte Leistung des BvB aber ist: dass man bei ihm das alles selbstverständlich toll ist, während beim FC Bayern nie jemand auf die Idee käme, Tore in der 93. Minute als große kämpferische Leistung darzustellen. Das wären dann einfach wieder nur die Dusel-Bayern, die mir ihrem unverschämten Glück und ihren im Lotto gewonnenen Millionen den Fußball ruinieren. Neben der Tatsache also, dass der BvB mit seinem Zweikampf mit den Bayern den Fußball in Deutschland und der Bundesliga in eine neue Dimension gehievt hat, ist der BvB vor allem in einer Hinsicht dem FC Bayern in einer Hinsicht weit überlegen: Er ist die bessere Marketingmaschine.
Also, schauen wir uns erst mal die Fakten an: Borussia Dortmund ist zu einer Wirtschaftsmacht geworden, existiert an der Börse, bezahlt mal eben 17 Millionen für Reus, leistet sich einen ebenso exquisiten wie teuren Kader. Der Abstand zu den üblichen Verfolgern ist enorm groß geworden und zumindest in den kommenden Jahren nicht mal eben so einzuholen. Das fällt vor allem im Vergleich zum Rivalen aus Gelsenkirchen auf, der zwar irgendwie vorne mitspielt, dafür aber mehr Schulden als ein Hund Flöhe hat. Würde man also sagen, der BvB ist so eine Art FC Bayern in klein, wäre das gelogen. Weil der Zusatz “in klein” schlichtweg falsch ist. De facto ist der BvB die einzige Fußballmacht in Deutschland, die sich sowohl sportlich als auch wirtschaftlich mit München messen kann.
Das müsste also bei all den Fußballnostalgikern (Hinweis: Ich bin latent auch einer) sofort Reflexe auslösen. Ein Millionen-Börsen-Unternehmen statt eines ehrlichen Rote-Erde-Nachfolgevereins? Böse, böse, böse! Doch beim BvB, und das muss man erst mal hinbekommen, finden diejenigen, die beim FCB alles schröcklich finden, alles irgendwie irre toll gut.
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Kleiner Zeitsprung, der zur Erklärung möglicherweise wichtig ist: Ich bin irgendwann in den 80ern im Gymnasium rumgelaufen, das war die Zeit, in der es neben entsetzlichen Poppern und öden Punkern auch diese Kategorie Leute gab, die man heute als Gutmenschen bezeichnen würde. Uniformiert mit Latzhosen, Birkenstock und Jutetaschen, moralisch und politisch einwandfrei. Ich bin dann immer bockig geworden, wenn ich das kollektive Nachplappern von Irgendwas mitbekommen habe, zumal das irgendwie alles so wohlfeil ist: Du bist für Frieden? Tja. Wenn du nicht gerade ein Idiot bist, wirst du dich der Forderung nach mehr Weltfrieden kaum verschließen wollen. Ich hatte schon immer eine große Vorliebe für alles, was unkorrekt ist. Und ich hatte immer Sympathien für alle, über die sich alle aufgeregt haben.
Das musste ich jetzt erzählen, um verständlich zu machen, warum ich nicht in Entzückensschreie ausbreche, wenn Jürgen Klopp irgendwas sagt. Doch, der Typ ist witzig, ist eloquent und intelligent, vermutlich sogar ein richtig guter Trainer und jemand, mit dem man vermutlich viel lieber in der Kneipe ein Bier trinkt als mit, sagen wir, Uli Hoeneß. Aber jeder Satz, jede Geste, alles, was Kloppo und sein BvB tun, ist mindestens so kalkuliert wie alles, was die Bayern tun. Die “Pöhler”-Mütze in den Bundesligaspielen, der Zauselbart, Sprüche wie “Die Leute haben sich ein zweites Loch in den Allerwertesten gefreut” – das alles ist der konsequente Gegenentwurf zum FC Bayern, bei dem weder Heynckes noch Guardiola jemals merkwürdige Baseballkäppis tragen würden und Uli Hoeneß nie auf die Idee käme, sich als Kumpel der Fans draußen aufzuspielen.
Man kann sich also über Jürgen Klopp und den BvB nicht aufregen, wenn man alle Sinne beieinander hat. Und genau das regt mich auf. So wie diese Latzhosenträger damals mit ihrem moralischen Absolutheitsanspruch. Klopp macht und sagt immer das Richtige und das langweilt mich zu Tode. Uli Hoeneß hingegen, meine Güte: Wie oft habe ich mich über den schon aufgeregt! Was habe ich über den schon abgekotzt, vor allem dann, wenn er politisch wird und mit irgendwelchen Fußball-Kalendersprüchen wieder mal Deutschland retten will. Uli Hoeneß in politischen Talkshows, da muss ich inzwischen wegschalten, weil es meinem Blutdruck nicht gut tut. Aber wenn dann die andere Hoeneß-Seite kommt, die des caritativen Menschen, der kein Aufhebens um sein Engagement macht, wenn ich Interviews mit Campino lese, der erzählt, er habe einige Ex-Angestellte von Hoeneß unter seinen Freunden und niemand, wirklich niemand lasse sich selbst im größten Suff auch nur ein schlechtes Wort über Hoeneß entlocken, dann habe ich wieder größten Respekt vor ihm und manchmal sogar sowas ähnliches wie Sympathie. Gerade weil es ja für die halbe Welt so leicht ist, Hoeneß und die Bayern nicht mögen zu können.
Dagegen Klopp in einer Talkshow? Wahrscheinlich würde er ganz wahnsinnig viele richtige Sachen sagen, alle würden ihn mögen und am Ende gäbe es eine Umfrage, nach der sich 80 Prozent der deutschen Frauen eine Nacht mit ihm wünschen und der Rest glaubt, er wäre der ideale Bundespräsident. Klopp ist auf dem Weg, eine Art Günther Jauch des deutschen Fußballs zu werden. Den finden auch alle gut und wahrscheinlich könnte ich mich über Klopp in einer Talkshow nicht aufregen, während bei Hoeneß schon seine pure Anwesenheit mein Blut in Wallung bringen würde.
Aber wenn Sie mich fragen: Ich glaube, ich würde lieber mit Uli Hoeneß ein Bier trinken. Wäre spannender. Kloppo würde ich nach einer Stunde auf die Schulter kloppen, mit Hoeneß würde ich mich wahrscheinlich die halbe Nacht fetzen, um ihm um drei Uhr morgens anerkennend auf die Schulter zu klopfen.
Und ich glaube ja, dass diese ganzen Gemütsterroristen von damals, die Latzhosenmonster und Birkenstockmoralisten, heute den Kloppo und den BvB richtig dufte finden. Was letztendlich alles rechtfertigt, jeden nüchtern betrachtet noch so großen Unsinn: Beim BvB ist ein Abseitstor in der 93. Minute große Fußballkultur, beim FC Bayern sind die beiden Gegentore von ManU, damals, 1999, die größtmögliche Gerechtigkeit der Fußballgeschichte.
Aber gut, so funktioniert Fußball, der immer mehr der Glaube an eine Geschichte und an eine gute Marketingstrategie ist und wo man sich dort versammelt, wo man glaubt hinzugehören. Beim BvB sind es die Anständigen und die Guten dieser Welt. Und meine ist immer die andere.
Was kein Lamentieren über den Zustand des Fußballs sein soll, weil schließlich…herrje, wann geht´s heute abend los?